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Walahfrid Strabo

(Walahfrid Strabo[n], entstellende Eigenbezeichnung: »strabus« [der Schielende] entsprechend seinem organischen Defekt [vgl. carm. XXIII]), * um 808 in Schwaben, † 18. 8. 849 im Kloster Reichenau. W. entstammt ärmlichen Verhältnissen und wird in der Reichenauer Klosterschule, an die er früh übergeben worden war, lateinisch vom späteren Reichenauer, Weißenburger (830) und St. Galler (841) Abt Grimald (Grimold[us]) von St. Gallen, Erzkapellan und Oberkanzler Ludwigs des Deutschen, ausgebildet. Seine Studien setzt W. im Kloster Fulda unter Rhabanus Maurus (s.d.) fort. Unter Ludwig dem Frommen (s.d.) wird W. Kapellan der Kaiserin Judith und Erzieher Karls. 838 wird W. Abt auf der Reichenau. 842 kehrt W. auf die Reichenau zurück. – W.s Erstlingswerk ist Umgestaltung der Visio Wettini; der Reichenauer Schulmeister Wetti (s.d.) hatte 824 in seiner Todesnacht (3./4. 11.) eine Jenseitsschau, deren Prosanachschrift durch den Confrater Heito W. 824/825 in über 900 Hexamerter ausdichtet. W.s poetische Kunstfertigkeit zeigt sich nicht nur in den Acrosticha, sondern auch in der der Tradition von Vergil (s.d.), Aen. VI und Dante Allighieri (s.d.) folgenden motivischen Komposition. W.s dialogisches Hexameter-Gelegenheitsgedicht »Versus in Aquisgrani palatio editi anno Hludovvici imp. XVI« (Cod. Sangallensis 869), wohl 829 verfaßt, ist kunsthistorische bedeutsam, da es wohl ausschlaggebend für die Entfernung des Aachener Theoderich-Reiterbildes vor der Kaiserpfalz nach dem Verlust seiner ikonographischen Semiotik ist. – In frühmittelalterlichen Traditionen bewegt sich W.s Konzept der Beschreibung kirchlich-hierarchischer Strukturen nach römischem Vorbild (sog. imitatio imperii). – Für Abt Gozbert verfaßte W. 833/834 gemäß der Tradition, Heiligenleben und somit das Lob des Hauses durch Fremde schreiben zu lassen, die Biographie des Hl. Gallus (s.d.). W. hat ferner die aus dem beginnenden 9. Jahrhundert (bald nach 830, Gozbert?) stammende Vita Otmars (s.d.) von St. Gallen überarbeitet. – Die »Glossa ordinaria« ist, wie Beryl Smalley († 6.4. 1984) gezeigt hat, W. nicht zuzuschreiben, wohl aber ist sie vom Denken W.s beeinflußt (de Blic). W.s Gedicht über den Gartenbau (»De cultura hortorum«; unter dem Titel »Hortulus« 1510 in Wien von Vadian [s.d.] zum Druck befördert) ist in der Reihenfolge der Pflanzlinge vom Capitulare de villis abhängig; ihm entspricht die Reichenauer Beetanlage. – Zu W.s Werken zählt die Abschrift des Palästinatraktats des Arculfus-Adamnanus (heute: Zürich, Zentralbibliothek, Cod. Rhenaug. 73). Rätsel gibt der mediävistischen Forschung die Nähe zweier Passagen von W.s Vita Mammae zum Waltharius auf, womit die Frage nach der Verfasserschaft des »Waltharius« durch den St. Galler Abt Ekkehart I. offen bleibt. [aus BBKL]

 

A: Visio Wettini

A: De cultura hortorum

A: Zwei Legenden